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Home-Minister
Die wichtigste Stütze des bekannten Wissenschaftlers
war ihm seine um 18 Jahre jüngere Frau. Meine Mutter
unterstützte ihn in allen Belangen. Zu Beginn tippte
sie noch seine Texte ins Reine, empfing in- und ausländische
Gäste und befreite seine Umgebung von lästigen „Immissionen“,
so dass er seine wichtige Arbeit ungestört leisten konnte.
Daneben gab sie sich vollumfänglich der grossen Haushaltung
hin und sorgte fürs Wohl der fünf lebendigen Kinder.
Ihre Herkunft setzte eine hohe Messlatte im Haushalt. Daneben
liebte sie das einfache Leben, verfügte über beachtliche
Abenteuerlust und steckte uns damit wohl an. Im Alt-Toggenburg
lernten wir den Bauernalltag kennen, halfen den Nachbarskindern
im elterlichen Stickereibetrieb oder beim Heuet und schliefen
zuweilen in selbstgebauten Hütten im Wald. 1964 wurde
Beth Jaag zu einem der ersten weiblichen Mitglieder in der
reformierten Kirchenpflege. Verankert im christlichen Glauben
entwickelte sie ein tiefes Gespür für Gerechtigkeit
und das Leiden anderer Menschen und lebte die Hingabe für
den Nächsten. So betreute sie z.B. einzelne Straffällige
während und nach deren Gefängnisaufenthalt und half
in einer Begegnungsstätte der Gassenarbeit mit. Ein paar
Monate nach ihrem 60. Geburtstag wurde sie zur Witwe und ist
unterdessen 85 Jahre alt geworden.
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Von meiner Mutter habe ich wohl sehr viel intuitiv übernommen.
Sie lehrte mich eine unkomplizierte Hilfsbereitschaft, persönliche
Verlässlichkeit, Respekt und grosses Pflichtbewusstsein.
Teenager
Meine Eltern waren um eine gute Ausbildung ihrer Kinder besorgt.
So durfte ich schon sehr früh meine Sommerferien jeweils
bei befreundeten Familien in anderssprachigen Ländern
verbringen – Horizonterweiterung und Spracherwerb war
das Ziel. Wenn ich mich heute mit holländischen Touristen
unterhalten kann, so geht das auf solche Erfahrungen zurück.
Mit 17 Jahren erhielt ich die Gelegenheit, als Austauschschülerin
mit AFS nach Amerika zu fahren und für ein Jahr in Minnesota
zur Schule zu gehen. Mit der „Class of 69“ konnte
ich am Ende des Schuljahres die Stewartville Highschool abschliessen.
Ich lebte als älteste Tochter in einer amerikanischen
Familie und lernte, mich in den Alltag einer ländlichen
Gegend im mittleren Osten der USA einzufügen
Kurz nach dem Prager Frühling und dem Einmarsch der Russen
in der Tschechoslowakei hatte ich die Zürcher Unruhen
zunächst aus Distanz erlebt. Nach meiner Rückkehr
an die Töchterschule in Zürich realisierte ich,
wie sehr 1968 auch Zürich bewegt hatte. Eindrücklich
war für mich, wie auf der Hohen Promenade plötzlich
die Jupes und Röcke verschwunden und stattdessen vom
Parterre bis in den 4. Stock olivegrüne Manchesterhosen
getragen wurden.... Die gesellschaftlichen Folgen, die bis
in die heutige Zeit reichen, sollten mir in den nachfolgenden
Jahren dann so richtig bewusst werden.
Zurück in Zürich wurde ich zur Präsidentin
der Schülerorganisation meines Gymnasiums erkoren und
machte meine ersten Gehversuche in Schulpolitik. Nach dem
Amtsantritt von Erziehungsdirektor Alfred Gilgen wurde auch
an unserer Schule eine Reformkommission ins Leben gerufen
– den damaligen Reformforderungen bin ich in jüngster
Zeit erneut begegnet....
Ausbildung
Die Berufswahl fiel mir nicht leicht, da es allzu viele Studienrichtungen
und Berufsmöglichkeiten gab, die mich interessierten.
Ich wollte mein Leben sinnbringend und konstruktiv für
Einzelne und - wohl bezeichnend für die Zeit und den
jugendlichen Übermut - auch für die Welt gestalten.
Die Ausbildung zur Sozialarbeiterin mit der Spezialisierung
für soziale Gemeinwesenarbeit war wie für mich geschaffen.
Obwohl ich wusste, dass mein freiwilliger Verzicht auf ein
Hochschulstudium meine Eltern schmerzen und von meiner Umgebung
kaum verstanden würde, entschied ich mich für diesen
Weg.
Nach bestandener Matura, legte ich ein Freijahr
ein, um zunächst die Lebenssituationen verschiedener
Menschen aus der Nähe kennen zu lernen. Dies schien mir
–als Kind vom Zürichberg- eine unabdingbare Voraussetzung,
bevor ich mich in einen sozialen Beruf begeben würde.
Mein Optimismus war gross und die Bereitschaft, mich auf Neues
einzulassen auch. So hatte ich Gelegenheit, in ein- bis dreimonatigen
Arbeitseinsätzen und später auch in Ausbildungspraktika
sehr unterschiedliche Aufgabenbereiche zu erleben: Bäckereibetrieb,
Mädchenerziehungsheim, Pro Juventute - Familieneinsatz
im Tessin, Reiseleiterin durch Europa und Hilfskraft im Alpwirtschaftsbetrieb.
Noch während der Mittelschule arbeitete ich als Freiwillige
im „Mitternachtsfoyer“, einer Freitagnacht- Kaffeestube
im Niederdorf. Hier ging das Zürcher Milieu ein und aus,
Rockers mit ihrer Eindruck erheischenden Töffmonturen,
gutmütige Clochards, gestrandete Touristen und Menschen
mit Alkoholproblemen. Sie kamen wohl, um sich die Nacht zu
verkürzen, das eigene Elend zu vergessen, etwas Warmes
zu trinken oder weil sie sich aussprechen, plaudern oder spielen
wollten. Aids und selbst Drogen waren noch kaum Thema, es
begann sich erst langsam zu manifestieren. Diese Freitagnächte
im letzten Schuljahr, machten den Schulbesuch am folgenden
Samstagmorgen nicht ganz einfach, doch sie öffneten meinen
Blick beträchtlich und lehrten mich ein Stück Lebensrealität.
Ihre Echtheit und Lebendigkeit faszinierten mich. Nachdem
ich in einem wohlbehüteten Milieu aufgewachsen war, lernte
ich hier Menschen mit ganz andersartigen und oft sehr belasteten
Lebensgeschichten kennen. Menschen auch, denen die Integration
in ein „normales“ Leben nicht gelingen wollte
und die aus irgendwelchen Gründen in Rockerbanden, im
Alkoholismus, in der Prostitution oder in Arbeits- und Obdachlosigkeit
strandeten. Diese lehrreiche Zeit weitete meinen Blick und
wurde zu einer wichtigen Basis für meinen Beruf und meine
späteren Tätigkeiten.
Berufseinstieg
Nach Abschluss meiner interessanten Ausbildung in sozialer
Arbeit erhielt ich beim städtischen Jugendamt die erste
und neu gegründete Stelle für Gemeinwesenarbeit
in Zürich. Mein Terrain war ein kinderreiches Arbeiterquartier
am Zürcher Stadtrand in Schwamendingen. Die Zielsetzung
war die Verbesserung der persönlichen Perspektiven und
die Verhinderung der kompletten Gettoisierung. Es war die
Zeit, zu der rund um das idyllisch im Grünen gelegene
Quartier immissionsreiche Bauvorhaben geplant wurden und die
Häuser von Autobahnen, Kadaver- und Kehrichtverbrennungsanlagen,
Zivilschutzbauten und Elektrizitätswerken eingekreist
werden sollte. Aktivierung und Hilfe zur Selbsthilfe war angesagt
und bedeutete in der Praxis die Erkennung der gemeinsamen
Probleme, die Vermittlung von Impulsen, die praktische Förderung
von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, sowie Anregung
und praktische Hilfe zur Lösung der gemeinsamen Probleme.
Heute noch zeugen ein ansehnlicher Lebensmittelladen, die
Buslinie 45 und eine Holzbaracke mit Freizeitraum von den
Anfängen der Gemeinwesenarbeit und dem aktiven Engagement
der ortsansässigen Einwohnerschaft.
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