Artikel März 2004 , Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

 

Kantonsräte meinen.. von Lisette Müller-Jaag, Knonau

Wurzeln geben Halt

Für den biblischen Unterricht auf die Barrikaden gehen? Offenbar tun das mehr, als manche Reformsparer oder Sparreformer sich das vorstellen. Ausser Zahlen haben sie sich vielleicht
gar nichts vorgestellt. Vorstellungen hatten jedoch 20'000 Menschen, die eine Petition des Zürcher Lehrerverbands für die Erhaltung des biblischen Unterrichts an der Primarschule unterschrieben haben. Wenn es auch nicht immer die gleichen Vorstellungen sein dürften,
so spüren doch viele von uns, dass mit der Abschaffung des biblischen Unterrichts etwas Wichtiges verloren geht.
Die einen haben sich als Eltern vielleicht an ihre eigene Jugend zurückerinnert, an die Geschichten, die ihre Werte prägten. Selbstverständlich bestimmen sie nicht unser ganzes Verhalten. Doch geben sie uns eine Richtung vor. Ist es nicht wie mit der Gesundheit, mit der Arbeitsstelle oder mit einer engen Beziehung? - oft erkennen wir die Kostbarkeit erst,
wenn sie uns abhanden gekommen ist.

Vielleicht dachten die Lehrkräfte beim Unterschreiben daran, wie ihre Schulkinder lernen, vor allem in den ersten Jahren. Sie lernen Geschichten. Und weil wir auch die Werte für das menschliche Zusammenleben möglichst früh lernen sollten, brauchen wir gemeinsame Geschichten vom Guten und vom Bösen, vom Menschlichen und Unmenschlichen.
Wir können natürlich das Erzählen verbindender Geschichten abschaffen. So wie es jetzt vorgeschlagen wird. Aber dann braucht es zumindest einen ebenbürtigen Ersatz.
Wären dies dann allein die Geschichten der Wirtschaft und vom Geld? Das scheint mir doch etwas dürftig.

Ob die Kinder biblischen Unterricht wollen, werden Sie sich vielleicht fragen. Wollen alle Geographie? Alle Deutsch? Alle Rechnen? Diese Fächer gehören zur Kultur, sind die Basis
für den Alltag, lassen die Menschen einigermassen miteinander auskommen und bilden eine gemeinsam Wissensbasis. Doch Wissen allein nützt nichts. Auch eine Handlungsbasis
brauchen wir Menschen. Und die wiederum braucht Werte. Sie geben Orientierung und
werden erinnert in Form von Geschichten. Womit wir wieder bei der Frage sind
„Wo ist der Ersatz“?

Wir leben im Zentrum Europas. Die Jahrtausende alte Geschichte des Abendlandes ist Teil unseres Lebens. Die christliche Religion ist unsere Basis. Sie hat unseren Kalender, unser Zusammenleben, unsere Gesetzgebung wie auch unsere Einstellungen und Werthaltungen geprägt. Hier sind unsere Wurzeln, hier liegt unsere Identität.

Auch wer sich heute nicht ausdrücklich zu Gott und zu Jesus Christus bekennt, zweifelt
keinen Moment daran, dass gegenseitiger Respekt, das Recht auf Leben und Nächstenliebe grundlegende Werte unserer Gesellschaft sind. Sie werden in der Schule und im Religionsunterricht gezielt vermittelt. Die biblischen Geschichten sind wichtiger Bestandteil unseres Kulturguts und gehören daher zur Allgemeinbildung. Alte Geschichten, die bis in
die heutige Zeit überlebt haben, wurden immer wieder neu übersetzt. Wer sollte diese Übersetzungsarbeit leisten, wenn nicht der biblische Unterricht. Wer diesen nicht will,
darf auch nicht über den Verlust von Werten klagen.

In der Schule können alle Kinder am biblischen Unterricht teilnehmen. Auch wer nicht in
unserer Kultur aufgewachsen ist, lernt in Form von Geschichten die Werte unserer Kultur kennen, Erzählungen über Gewaltverzicht, über Schutz, Hoffnung, Gerechtigkeit und Vergebung. Und sie erfahren etwas über Ostern und Weihnachten. „Sozialisierung“ nennt man das.
Sie muss früh geschehen, sie ist wichtig für alle Kinder.

Ob die Kinder biblischen Unterricht mögen? Ja, Kinder mögen das Erzählen dieser
verbindenden Geschichten, wenn sie in ihre Erlebniswelt eingebettet sind. Und es
scheint, dass sich Jugendliche gerne an solche Stunden zurückerinnern. Jedenfalls
waren meine Berufsschülerinnen und -Schüler vor einigen Jahren sehr überrascht, als
ich ihnen davon erzählte, man wolle den biblischen Unterricht abschaffen. Sie fänden
das schade, sagten sie, obwohl man manchmal Mist gebaut habe („musste man doch…“),
aber es sei doch oft um wichtige Dinge gegangen.

Ja, dieser Überzeugung bin ich auch, dass es beim biblischen Unterricht um wichtige
Dinge geht. Die Kenntnis der eigenen Wurzeln schafft Identität. Die Auseinandersetzung
mit unserer Schöpfung, mit Leben, Werten und übergeordneter Kraft gibt Orientierung und Halt. Das dürfen wir unseren Kindern nicht vorenthalten. Sie sollen zum Einstieg die christliche Religion kennen lernen, danach auch die anderen Religionen der Welt. Und sie sollen erfahren, dass Achtung und gegenseitige Wertschätzung für das Zusammenleben dienlicher sind als Ausgrenzung und Gewalt. Sie sollen etwas erfahren über die Einzigartigkeit jedes Menschen, über Würde und Wert. Kann nicht durch die Gewissheit des eigenen Werts, eine positive Grundhaltung entstehen und Lebensfreude vermittelt werden? Was gehört zum wichtigen Rüstzeug fürs Leben?

 

Lisette Müller-Jaag, Kantonsrätin EVP, Knonau

 

Die Petition des Zürcherischen Lehrerverbands „Ja zur Biblischen Geschichte –
Ja zu einer ganzheitlichen Bildung“ erwirkt keinen verbindlichen Anspruch. Aus diesem
Grund ist am 26.3.2004 die <Volksinitiative für die Weiterführung des Faches „Biblische Geschichte“ an der Volksschule> lanciert worden, welche 10'000 Unterschriften von stimmberechtigten Schweizer Bürgerinnen und Bürgern aus dem Kanton Zürich benötigt und danach zu einer Volksabstimmung führen wird.

 
  14-Feb-2011 aktualisiert